(c) bei Gerel Calow

Das geheime Lied von Wyrrnuma

Ein Klappentext

Der Vater der fünfjährigen Anne verunglückt beim Bergsteigen tödlich. Als letztes Geschenk von ihm bekommt Anne die Früchte eines fremden Baumes. Durch Zufall entdeckt sie deren heilsame Wirkung gegen ihre Schuppenflechte, die jedoch nicht lange anhält. Als junges Mädchen macht sie sich auf die Suche nach diesem Wunderbaum, löst sich von der Mutter und dem ungeliebten Stiefvater und beginnt ihr eigenes Leben.
Geschickt verknüpft Gerel Calow Annes persönliche Geschichte mit der Zeit des politischen Umbruchs in Deutschland 1989/1990

(Kerstin Calow, 23.11.2016)

Kapitel-Überblick

Zeitenanfang – Präludium
Seiten 1 – 4

Prolog: Damals Seiten 5 – 14
Erzählt, wie Annes Vater verunglückt
Die Alpen. Schneebedeckte Gipfel locken aus der Ferne

Kapitel 1:Wer bin ich? Sehnsucht nach Stille
Seiten 15 – 28

Kapitel 2 Außer Anne werden Sirte, Kolibri, Gerlinde und ihre Freunde eingeführt
Seiten 29 – 31

Kapitel 3, In dem das scheußliche Zuhause Annes bis zur Flucht zu Arnolds Mutter beschrieben wird
Seiten 32 – 46

Kapitel 4
Seiten 47 – 82
Peters im Krankenhaus, Anne in der Bank, A. trifft Charly und Barde, will von der Brücke springen, geht nicht mehr zur Arbeit, Singstunde mit Umeriku, Suche nach der Sportlehrerin, flieht zu Arnold, kehrt nach Hause zurück,

Kapitel 5
Seiten 83 – 106
Mamsuloe in der Klinik leidet

Kapitel 6
Kolkow Kolibri, Sirte geht, Urda Nießheimer, Gerhild zu Kolkow
Seiten 107 – 131

Kapitel 7
Seiten 132 – 163
Die Aurikelberg-Kliniken, ins Theater nach Halbach, in der Großwäscherei,

Kapitel 8
Seiten 164 – 197
Jg. Leute in Halbach, Anne zu Hause, Stiefvater betrunken, Gerhild lernt Silvester Anne kennen, Ankunft bei der Großmutter, Mamsuloe

Kapitel 9
Seiten 198 – 230 Aurikeln für Anne
Henry Wackelohr, Aurikelberg Therapie,

Kapitel 10
Seiten 231 – 261 „Wolkenbruder“ und Therapiealltag
Hugo Anderson, Therapie,

Kapitel 11 Ein Phantom namens Wyrrnuma
Seiten 262 – 294
Gerhild, Mittwochtreffen, Einladung von Hugo, Seidenmalerei, Alpenreise, Ende der Therapie

Kapitel 12
Seiten 295 – 323 Reisen, suchen und gesunden

Kapitel 13
Seiten 324 – 333
Charlys Hochzeit, Frieder

Kapitel 14
Seiten 334 – 357
Frieder, kurz bei den Eltern Annes, Anna Marie gestürzt, Gerhild, Drudlin und Rudolf, Verlobung
Kapitel 15
Seiten 358 –369
Gerhild, Drudlin und Meyerink auf Zimmersuche, Frieder und Anne suchen Wohnung, Blut im Gartenhaus, Verabschiedung

Epilog
Seite 370

Leseprobe:

Kapitel 3 - Änderung und Neuanfang

Anne mühte sich auf dem Fahrrad. Die körperliche Anstrengung bereitete ihr Vergnügen. Früher war sie lange Strecken allein gefahren, während die Eltern glaubten, sie spiele in der Nachbarschaft. Ihre Beine wussten noch, wie man in den Pedalen steht, wenn es notwendig ist. Sie fuhr und fuhr, manchmal meinte sie, endlich im Wald angekommen zu sein. Aber Wald verband sich in ihrem Inneren mit Stille, und da sie die nicht fand, konnte sie nicht angelangen. Ein ständig wechselndes Rauschen und Sausen auf den nahen Straßen und Autobahnen überdeckte aus dem Hintergrund wie ein Teppich den Frieden, das Zwitschern einiger Vögel und das Reden der Bäume. An einer Stelle wurde der Weg so sandig, dass sie absteigen musste. Zwischen den Bäumen fielen lange Sonnenstrahlen ein und machten den Weg zu einer Leiter mit schrägen Sprossen. Anne versuchte, nicht auf die Baumschatten zu treten, sondern nur auf die sonnenbeschienenen Stellen. Sie kam sich vor wie eine Orgelspielerin, die vor lauter Blasebalg die Orgeltöne nicht hört. Es ist eine schlechte Tageszeit, sagte sie sich. Der Berufsverkehr auf den Fernstraßen ringsum brandet bis hierher. Nachts ist es vielleicht leiser. Kommt der Frühling in ein lautes Wäldchen? Sie stellte das Fahrrad an einen Baum und zwängte sich zwischen den Stämmen hindurch auf eine kleine Lichtung. Ganz in der Nähe flog schimpfend ein Eichelhäher auf. Ach, gibt es den Waldpolizisten noch? dachte sie. Bei den Spaziergängen mit der Großmutter hatte er immer geschrien, sobald sie den Wald betreten hatten. Die Sommer bei Anna Marie hatten ihre Kindertage zu glücklichen Tagen gemacht, wenn sie nicht allein mit der Mutter zu Hause sein musste. Die Fichten blickten noch dunkel und traurig, die Buchen kahl und düster. Und trotzdem… War da nicht eine flüchtige Bewegung, ein Huschen in den Zweigen? Erinnerung aus Kindertagen, als wäre da noch jemand, vielleicht genauso auf der Suche nach Zeichen, nach der lichtreichen, wärmeren Zeit. Wo steckte das Flüstern, das damals war? Wo verbarg sich der Gleichklang mit der Natur, die Geborgenheit, das innige Vertrautsein mit dem beseelten Kraut und Strauch? Das Vorjahresfarnkraut lag braun am Boden, noch waren die weißgrünen Ringel frischer Triebe nicht darunter hervorgekrochen. Nur ein paar Flechten und Moose schimmerten feucht und grün, an einem Baumstumpf wuchsen gelbe Schwefelköpfe und neben einem frischen Grasbüschel fand sie drei Frühlingslorcheln. Sie setzte sich daneben und betrachtete den wie Gekröse wulstig gewundenen braunen Hut. Wenn er nicht so unregelmäßig wäre, würde er an Gehirnstrukturen erinnern. Der Gedanke an die starke Giftigkeit dieser Pilze übte eine eigenartige Anziehungskraft auf Anne aus. Erschreckt von der eigenen Fantasie, in der sie sich ausmalte, wie Peters reagieren würde, falls sie tot im Wald läge, floh sie von der Lichtung. Auf der Rückfahrt beobachtete sie ein paar Amseln schilpend im alten Laub auf Würmersuche. Am Bahndamm hingen die Haselsträucher voller Kätzchen. Aber der ständig auf- und abschwellende Lärmteppich, der von der Autobahn herüberdrang, machte Anne ganz nervös. Die Sonne sank hinter eine hohe, grauschwarze Wand, die den ganzen Westhorizont regendrohend verdunkelte. Sie beeilte sich, heimzukommen. In ihrem Zimmer fand sie alles durcheinander geworfen vor. Die Jeans, die sie nur zur Disko angehabt und über die Lehne des einzigen Stuhles am Schreibtisch gehängt hatte, lag auf der Erde. Die karierte Jacke mit dem weißen Flauschkragen, die sie dazu getragen und zum Auslüften an den Spind gehängt hatte, war heruntergefallen. Der Spind stand offen, ihre Pullis und die Unterwäsche waren herausgerissen worden und auf der Erde verstreut. Als sie empört in die Küche stürzte, fand sie ihre Mutter dort verweint vor. “Er meint, du hättest zu viele und zu kostbare Kleidung, darum würdest du alles herumliegen lassen.” “Aber ich bin kein Kind mehr. Das ist mein Zimmer. Was sucht ihr dort? Ich bin zwanzig, und ihr behandelt mich immer noch wie ein Baby.” Anne schwieg einen Moment, die Mutter seufzte. “Zu viele und zu kostbare Kleidung? Wo? Zeig mir das mal? Und da sagst du nichts dazu? Ich kaufe mir das doch alles selbst von meinem Geld.” “Er meint, du solltest das meiste in die Kleiderspende bei der Kirche geben, damit du wieder bescheidener würdest. Früher wärst du nicht so hochnäsig an ihm vorbeimarschiert wie jetzt. Gemeindeglieder hätten sich beschwert, dass du sie nicht mehr grüßt auf der Straße. – Na komm, ich helfe dir aufräumen.”

Anne hörte, dass Peters im Wohnzimmer Fußball guckte. Sie hasste ihn aus vollstem Herzen.
“Aber was sagst du dazu? Ich habe doch nicht zu viele Sachen. Mir passen halt die Pullover noch, die ich mit vierzehn getragen habe, die lagen da hinten. Du kannst sie gerne weggeben, bis auf einen oder zwei. Das andere sind meist Hemdchen und Schlüpfer, die braucht man doch.” “Er meint, deine Schlüpfer seien viel zu klein und zu bunt. Du solltest einfache weiße Unterwäsche tragen, die roten Höschen mit der Spitze seien nuttig. Die hat er gleich zerrissen.” “Aber die habe ich von meiner Sportlehrerin zum Geburtstag geschenkt bekommen. `Junge Wäsche' hat sie gesagt, es war das Dankeschön für viele Stunden Aufsicht bei den Kleinen am Nachmittag. Ich liebe sie zum Kuscheln, hab' sie noch nie angehabt.” Anne las die Fetzen vom Boden auf und schniefte hinein. Ihre Wangen hatten rote Flecken bekommen, ihre Nase glänzte. “Er meint, er meint … Und was meinst du? Du bist doch meine Mutter. Er hat mir nicht mal seinen Namen geben wollen, worüber ich heute übrigens sehr froh bin. Und – ach du.”
Marion umarmte ihre Tochter und drückte ihr sanft die Hand auf den Mund. “Wann können wir mal in Ruhe und Harmonie miteinander reden, Mutter. Ich will hier weg.”
“Schweig. Das ist nicht die richtige Zeit. Wir werden die wahre Stunde erfahren. Niemand ist allein.” Die Augen der Mutter deuteten auf das Holzkreuz über Annes Bett. Aber auf Annes Herz fielen eisige Schatten, das Blut wich aus ihrem Gesicht. Sie starrte auf das Kreuz, als sei es Peters selbst. Schweigend räumte sie die Reste stiefväterlicher Misshandlung fort. Als die Mutter wieder in der Küche war, begutachtete Anne das Schloss zu ihrem Zimmer. Niemals zuvor hatte sie einen Schlüssel dazu besessen, aber jetzt schien es ihr höchste Zeit dafür. Ob Arnold ihr einen machen könnte? Am nächsten Morgen spürte Anne ein Brennen an Nacken und Hals. Als sie in den Spiegel schaute, entdeckte sie lauter kleine rote Pusteln und erinnerte sich vage, dass sie sehr unruhig geschlafen und sich die ganze Nacht über gekratzt hatte. Auch jetzt spürte sie unter dem Brennen noch den Juckreiz. Es traf sie hart. Nach den Händen also nun der Hals. Und da sagte der Doktor, es werde weggehen. Was wusste der überhaupt? Anne kam das erste Mal zu spät zur Arbeit. Zwei aufgeregte Mütter hielten mit den Kindern vor dem Kindergarten Wache. Ein Vater stürzte böse auf sie zu.
“Das hat ein Nachspiel, darauf können Sie sich verlassen. Ich komme zu spät zu einem Termin, Ihretwegen.” Seine Augen funkelten gefährlich. Anne öffnete ungerührt die schwere Eichentür und ließ die Kinder ein. Sie fühlte den Schmerz seines Vorwurfes nicht über dem Brennen am Hals und wunderte sich darüber. Darum versuchte sie, sich ganz auf die Kinder zu konzentrieren, half hier eine Jacke aufhängen, dort eine Öse am Hausschuh schließen. Liebevoll baute sie die Tische voll Spielzeug, brühte hastig Malzkaffee und wärmte rot gefrorene Hände. Sie ging an diesem Morgen ganz für die Kinder auf, sang mit ihnen, als es zu viele wurden für leises Spiel und erreichte, dass sich der Lärm vom Vortag nicht wiederholte. Mehrere Tage schaffte sie das. Dann passierte es abermals. Erneut saßen die anderen Erzieherinnen mit der Leiterin sehr lange im Aufenthaltsraum. Anne ging an die Tür und hörte ihren Namen. Sie mochte nicht horchen, bekam aber mit, dass es um ihre Hände ging. Anne lief erschrocken zu den Kindern zurück und schrie sie an. Das hatte sie sonst noch nie getan. Die Kinder starrten sie erstaunt an, zum Glück kamen in diesem Moment der verwunderten Stille die Kolleginnen und holten alle in die Gruppen. „Die Putzfrau hat nur das Allernötigste gemacht, weil sie entzündete Gelenke hat. Sei so freundlich und mach die Küche gründlich sauber heute. Das ist dringend nötig.”
“Sie wissen, dass ich wegen der Schuppenflechte nicht in Putzmittel fassen darf.” “Dann zieh dir Gummihandschuhe an, das ist mir egal. Es gehört zu unserer Arbeit dazu, dass wir hygienisch alles topp in Ordnung halten. Da kann ich dich nicht ausschließen. Die anderen werden in dieser Woche ihre Gruppenräume gründlich reinigen. Du wirst dann die eine oder andere Gruppe stundenweise übernehmen müssen. Selbstständig, das kannst du doch?” “Natürlich, ich habe es schon oft gemacht, es ist die schönste Arbeit für mich. Warum fragen Sie jetzt auf einmal?”
“Die Kolleginnen beschweren sich, Sie seien unkonzentriert und ließen die Kinder mehr toben, als bei guter Anleitung üblich ist. Außerdem habe ich Beschwerden von Eltern, aber darüber müsste ich wohl erst einmal mit Ihrem Hausarzt reden. Wie heißt er doch gleich, Dr. Rusche?” “Rausche heißt er, Dr. Rausche, aber er wird Ihnen keine Auskünfte über mich geben. Sie haben mein Wort, dass dieses Ekzem nicht ansteckend ist. Das muss reichen. Oder hat sich von Ihnen oder den Kindern schon jemand angesteckt? Ich habe das jetzt schon ein Jahr lang, da müsste man so etwas ja merken.”
“In Ordnung, dann werde ich Sie bei unserem Amtsarzt anmelden. Das können Sie nicht verweigern.” Anne stand erstarrt still. Schon der abrupte Wechsel von Du und Sie in der Anrede warnte sie. Irgendetwas war im Gange. Aber wo blieb die Güte und Freundlichkeit, das Verständnis der Leiterin? Sie suchte in deren Augen danach, bekam jedoch den Rücken zugedreht und hörte sie murmeln:
“Nur keine Fisimatenten.” In diesem Moment wurde sich Anne darüber klar, dass sie so nicht weitermachen würde. Nur sie selbst konnte etwas ändern. Diese Arbeit würde sie aufgeben. Was nützte die ganze Liebe zum Kind, wenn sie den Anforderungen in so einer Einrichtung nicht gewachsen war? Und wie viel Träume an diesem Beruf hingen! Sie dachte an die eigene Schulzeit, in der sie so oft jüngere Schulkinder für die Sportlehrer betreut hatte. Ihr Körper hatte all die zärtlichen Berührungen der Kinder in der Erinnerung gespeichert, auch die der Kindergartenkinder hier. Die Susanna mit den Locken, die ihr so gern ein Abschiedsküsschen gab. Der dreiste Arnd, der sie am Zopf zog und wartete, was sie wohl mit ihm machen würde. Der trotzige Willem, der sich manchmal versonnen an ihr Knie lehnte und den anderen beim Spielen zusah. Und die schüchtern zarte Sabrina – es würde schwer werden, ohne sie alle zu leben. Aber sollte sie sich wegen einer Hauterkrankung 'rausekeln lassen? Hatte sie nicht Anspruch auf Rücksichtnahme und Hilfe? Jeder besitzt doch Stärken und Schwächen. Warum sollten gerade die ihren unerträglich sein? War sie nicht sonst eine hilfsbereite, tatkräftige Kollegin, auf die man sich verlassen konnte? Anne wusste nicht mehr, was die anderen von ihr hielten. Weil sie von den morgendlichen Besprechungen monatelang ausgeschlossen wurde und bei den Kindern bleiben musste, fühlte sie sich total verunsichert. Dr. Rausche sagte, dass die Schuppenflechte sehr verschiedene Ursachen haben kann, und dass man sie suchen und Therapien ausprobieren muss. Und was probiert er aus bis jetzt? Desinfizierende Waschmittel und Salben, nachdem ein von Null aufgebautes Speiseprogramm keine abschwächende oder verstärkende Wirkung gezeigt hatte. Anne fuhr wieder in den Wald. Diesmal suchte sie die Frühlingslorcheln und nahm sie mit nach Hause. Ihr Hass auf den Peters züngelte. Wie in Trance und besessen von einer Idee mischte sie eine Lorchel in das Gulasch vom Vortag. Mutter kochte ihn immer mit einigen Trockenpilzen zur Geschmacksverfeinerung. Mit nachtwandlerischer Sicherheit wusste sie, dass er und nicht die Mutter die Reste essen würde. Marion hatte an diesem Tag einen Friseurtermin, einmal im Jahr ließ sie sich Dauerwelle legen. Sie wollte erst am Abend frisch kochen. Anne saß in ihrem Zimmer und hörte, wie Peters heimkam und in der Küche rumschnüffelte. Als sie an der Küchentür vorbei ins Bad ging, hörte sie, wie er den Gasanzünder betätigte. Ihr Herz klopfte wie wahnsinnig bis an den Hals hinauf, wo die Flechte juckte und brannte. Sie wusch sich die Hände lange und sehr gründlich, dabei lauschte sie auf die Geräusche von Peters. Dann nahm sie ihre Jacke von der Garderobe. “Wo willst du schon wieder hin?”
Peters trat aus der Küche. Mit flackernden Augen sah Anne ihn an.
“Zur Gruppenstunde in der Kirche.” Das stimmte sogar. Anne wollte versuchen, dass jemand ihr einen Schlüssel für ihr Zimmer feilte. Peters wandte sich wortlos ab. Als Anne an die Kirche kam, war die Tür noch verschlossen. Keiner da. Sie könnte zum Pfarrer gehen und den Schlüssel holen, aber dann müsste sie heute bis zum Schluss bleiben, um ihn wieder abzugeben. Dazu hatte sie keine Lust. Ziellos und fahrig lief sie durch die Stadt. Als sie das Zeichen der Schlosserinnung über sich hängen sah, erinnerte sie sich an ihr Vorhaben. “Da müssen Sie schon das Schloss herbringen. Schrauben Sie es einfach heraus, bei den alten Schlössern ist das leicht. Falls die Schrauben rostig sind, müssen sie eine Nacht lang eingefettet werden, dann drehen sie sich leichter. Vielleicht finden wir einen fertigen Schlüssel. Aber so auch: kein Problem.” Anne war mit den Gedanken nicht ganz da. Schloss herausschrauben, das ging wohl ebenfalls nicht, dann würden die Eltern es gleich merken. Automatisch geriet Anne vor Mutters Friseursalon. Drin sah sie die Mutter unter der Haube sitzen und in einer Zeitschrift lesen. Ihr Gesicht konnte man kaum erkennen. Es leuchtete klein und weiß unter dem Riesenapparat der Verschönerungskünstler. Anne fühlte starkes Mitleid mit ihr und sich selbst. Was würde dem Peters passieren? Was würde mit ihnen allen geschehen? Kalt und heiß lief es ihr über den Rücken. Einmal bereute sie und ängstigte sich vor den Folgen. Dann kam eine warme Welle und sie freute sich ihrer Tat. Endlich hatte sie die Kraft zum Tun gefunden, sich gewehrt. Sollte er doch verrecken, der ihr dauernd so viel Ungerechtes antat. Marion Peters-Laudar blickte schon eine Weile auf die Tochter, bevor diese es bemerkte. Dann deutete sie mit den Händen an: noch zwanzig Minuten. Anne schlenkerte zwei Häuser weiter und stand plötzlich vor einer großen Bank. Mehr neugierig als mutig trat sie ein und verlangte die Personalabteilung. Ein junger, agiler Mann lud sie charmant zum Sitzen ein. “Ja, wir könnten eine junge Kraft im Büro brauchen. Schade, dass Sie keinerlei Ausbildung haben für unsere Arbeit. Aber wenn Sie Lust auf einen Platz am Computer und keine Angst vor der Technik haben, denke ich, sind Sie nicht ohne Chance. Der Chef zieht sich seine Leute gern selbst heran. Allerdings bedeutet das dauernd Schule, Lehrgänge und Auswärtskurse. Kein Problem? Na wunderbar. Geben Sie Ihre Bewerbungsunterlagen ab und beziehen sich auf unser Gespräch heute. Dann werden wir weitersehen.”
Anne strahlte ihn an. “Dr. Geroit” stand an seiner Zimmertür. Sie würde es nicht vergessen. Mit der Mutter gemeinsam kaufte sie dann noch ein. Anne erstand mehrere farbige Halstüchlein und einen weißen Seidenschal, dabei erfuhr die Mutter von der Ausdehnung der Flechte. Ihr trat das Wasser in die Augen. Anne bekam im Gedränge des Feierabends Atemnot und Herzstiche. Aber sie sagte der Mutter nichts. Ja sogar nichts von dem Gespräch in der Bank. “Wann reden wir einmal miteinander”, fragte sie draußen.
“Tun wir das nicht laufend?”
“Du weißt schon, was ich meine.”
“Über den Peters können wir nicht reden, Kind. Du bist fast eine junge Frau, bald wirst du mich mit ihm allein lassen. Das ist natürlich. Kinder verlassen ihre Eltern, Töchter besonders früh. Ich muss mich arrangieren. Viele Jahre konnte ich deinetwegen nicht arbeiten. Das bisschen, was ich jetzt als Wicklerin bei Amelang halbtags verdiene, würde gerade fürs Essen und ein paar Klamotten reichen. Aber man muss wohnen und heizen, Strom und Wasser bezahlen. Außerdem: man gilt in der Gesellschaft nicht viel als unverheiratete oder geschiedene Frau, hörst du es nicht, wie sie alle sticheln und klatschen über solche? Die Karrierefrauen sind Ausnahmen, denen ich einfache Durchschnittsfrau nicht das Wasser reichen kann und will. Ich fühle mich im Haushalt sicherer und wohler, als auf der Arbeit. Für mich gibt es zur Ehe keine Alternative.” “Also hast du bereits darüber nachgedacht und für dich entschieden?”
Obwohl Anne es als Frage formulierte, erwartete sie keine Antwort und bekam auch keine. Auf dem Heimweg hängte sie sich nicht mehr in Mutters Arm ein. Sie hatte das Gefühl, nun von allen Menschen verlassen zu sein. Obwohl sie noch nie einen Freund mit nach Hause gebracht hatte, rechnete die Mutter ohne Zweifel fest damit, dass sie genauso zeitig heiraten würde, wie sie selbst. Aber war sie nicht jetzt schon älter, als ihre Mutter damals? Sie blickte nicht mehr zur Seite auf dem ganzen Weg. Ihr Herz schmerzte und trommelte: Nun bist du einsam, allein, im Stich gelassen. Am liebsten wäre sie gar nicht mit in die Wohnung gekommen. Sie dachte mit Sehnsucht an ihre Großmutter Laudar in Thüringen. Peters lag auf dem Sofa und schnarchte. Anne half der Mutter in der Küche. Dabei konnte sie unauffällig die Brühe aus dem Gulaschtopf ausgießen. Es lief alles normal. Sie beruhigte sich etwas. In ihrem Zimmer sortierte sie dann ihre Unterlagen. Kurz vor sechs lief sie noch einmal in den Kopierladen um die Ecke.
Dann schrieb sie ihren Stichwort-Lebenslauf ab. Er war so kurz. Die Begründung für den Wechsel machte ihr nicht lange Kopfzerbrechen: mehr Geld und Aufstiegsmöglichkeiten. Das würde die Herren bestimmt überzeugen. Von denen konnte sich gewiss niemand einfühlen, wie viel Zuneigung und Hoffnung bei ihrem ersten Berufswunsch Pate gestanden hatten. Schon am nächsten Morgen warf sie die Bewerbung bei der Bank ein. Aber die Nacht davor, die war furchtbar. Anne konnte nicht schlafen. Dieser eine Pilz, vielleicht hatte er ja keine Wirkung, war in dem kleinen Rest im Topf geblieben? Oder wie viel Stunden würde es dauern, bis die Rennerei losging? Aus unruhigem, traumschwerem Schlaf wachte sie halb zwei das erste Mal auf. Die Stimmen der Eltern klangen erregt, die Toilettenspülung wurde fast pausenlos betätigt. Um vier weckte die Mutter sie.
“Anne, was macht ihr bei den Kindern, wenn sie Durchfall haben und brechen?”
“Viel zu trinken geben, Wasser, Wasser, Wasser.” Anne war hellwach.
“Gibt man nicht Milch?”
“Nein, nein, Kohle, sobald der Brechreiz es zulässt.”
“Er denkt, seine Säuferleber meldet sich wieder. Vorgestern beim Betriebsfest hatte er etwas getrunken. Darum war er so eklig mit deinen Sachen. Jetzt quält er sich.” Anne kannte sich aus, dass Peters als trockener Alkoholiker eigentlich nie mehr einen solchen Tropfen anrühren durfte. Warum hatte er das gemacht? Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Wenn er den Gulasch aufgekocht und nur die Brocken heraus geangelt hatte, war das wasserlösliche Pilzgift vielleicht zum Großteil im Topf geblieben. Anne bekam vor Angst einen Schüttelfrost. Sie verkroch sich tief unter der Decke, aber das ganze Bett bebte. Ungeschickt zitternd holte sie sich vom Fußende noch die Wolldecke. Es dauerte lange, bis ihr Körper sich beruhigte, aber die anderen waren mit sich selbst befasst und merkten nichts. Vielleicht, wenn die Mutter noch einmal gekommen wäre, hätte sie alles verraten. Aber aus der Schüttelei ging sie irgendwie verhärtet hervor. Er gab sich selbst die Schuld, was konnte ihr besseres passieren? Zum Arzt würde er unter diesen Umständen nicht gehen. Entweder überstand er es, oder sie wurde ihn los. Wollte sie das? Oder musste sie dann nicht auf und davon gehen? Sie erhob sich und holte ihre Reisetasche vom Spind herunter. Langsam packte sie das Nötigste hinein und verstaute die Tasche wieder, jederzeit griffbereit. Draußen schien es indessen stiller geworden. Anne ging zur Toilette. Einer der Putzeimer fehlte. Sonst sah man nichts. Sie beeilte sich. Es war schon Zeit aufzustehen. Als sie gehen wollte, bat die Mutter:
“Komm nachher gleich heim. Ich gehe erst Mittag fort, dann ist er nicht so lange allein. Er schläft jetzt wie betäubt.”
Anne nickte und hielt sich an dem Briefumschlag mit der Bewerbung fest. Sie würde alles ändern. Auf sie kam es an, mit ihr durfte man nicht Schindluder treiben. Bis zum Mittag würde sie die Kraft haben, ihm beim Erbrechen den Kopf zu halten. Aber es kam anders. Peters war derber, als sie gedacht hatte. Fast ununterbrochen schlief er und nahm nur ungesüßten Tee und Zwieback zu sich. Und während sie ihn im Schlaf betrachtete, fühlte sie etwas wie Macht. Zu jeder Jahreszeit, so wusste sie, wuchsen Pilze. Man hatte ihr die giftigen aus Vorsorge eingeschärft. Es war ein beunruhigend sicheres Wissen. Vielleicht fühlte er etwas davon? Wenn er wach war, schickte er Anne hinaus und wartete, bis seine Frau kam. Nach drei Tagen Entkräftung und Mattigkeit holten sie dann doch den Hausarzt, der einen Infekt und Kreislaufschwäche diagnostizierte. Wenn das Schlimmste vorbei sei, sollte er in die Praxis kommen. Ja, da könnte man dann die Leberwerte nehmen, jetzt sähe es aber nicht gefährlich aus. Auch eine Gelbfärbung sei nicht zu registrieren. Er solle sich ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Anne wurde von Dr. Rausche aufmunternd angezwinkert. Sie holte das den Kreislauf stärkende Mittel aus der Apotheke. Leicht hätte sie die Tropfen ausschütten und verdünnen können, aber sie war daran nicht mehr interessiert. Die eigene Angst hatte sie tief erfasst. Außerdem schien Peters als Kranker zu bereuen, wie er sie behandelt hatte. In der Schwäche zeigte er sich lammfromm, geduldig und sanftmütig. Wenn er als Gesundeter nur halb so liebenswürdig bleiben wollte, glaubte Anne, besser mit ihm auskommen zu können. Inzwischen fragte sie im Personalbüro der Bank nach, musste drei Minuten zum obersten Chef rein und erhielt seine Zusage. Als Frau Rödel ihr den Termin zum Amtsarzt geben wollte, kündigte sie. Bettina Rödel schrie sie empört an. “Ja, was bilden Sie sich denn ein? Wir müssen den Beschwerden der Eltern doch nachgehen. – Was heißt hier Vertrauen? Denken Sie, wir ekeln uns nicht auch manchmal vor Ihnen? Ich meine, es sieht doch aus wie die Krätze…” Da war es heraus. Sie ekelten sich alle. Und niemand hatte im Bezug auf die Krankheit je etwas Hilfreiches gesagt. Anne schaute Frau Rödel kühl und gelassen an. Der würde sie nicht auf die Nase binden, dass sie schon andere Arbeit hatte.
“Und was wollen Sie überhaupt anfangen ohne Ihre Arbeit? Oder wollen Sie heiraten? So etwas konnten Sie doch gleich sagen.” Anne schwieg, schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, wiederholte murmelnd:
“Die Krätze” und sah Frau Rödel herausfordernd an. Bettina spürte, dass sie ungerecht war, gleichzeitig fühlte sie sich beleidigt durch Annes Verhalten. Sie hielt sie für nicht sehr klug. Ihre Bereitschaft zur Anpassung betrachtete sie als Zeichen von Schwäche. Das Nachgeben bei der Haartracht und beim Namen sah sie als selbstverständlichen Tribut an sie als starke Chefin. Dass Anne sie dafür als herrschsüchtig einschätzen würde und unliberal, begriff sie nicht. “Also das muss ich mir nicht bieten lassen, Sie könnten meine Tochter sein. Entweder Sie nehmen jetzt den Termin und machen Ihre Arbeit, oder Sie verlassen sofort das Haus. Fristlos.”
“Und dir wollte ich mal nacheifern, du dämliche Kuh!” stieß Anne leise zwischen den Zähnen hervor.
“Sag das noch mal!” Bettina Rödel erglühte vor Zorn.
“Du blinde, dämliche Kuh.”
Ganz leise, ganz bewusst und kühl, ohne Hass, nur mit dem Verstand gezielt verletzend wiederholte Anne ihre Worte. Sie begann ebenfalls zu glühen, aber vor Stolz, dass sie das gewagt hatte. Es machte sie frei, noch mehr zu sagen. “Nun seid ihr euer Aschenputtel los, müsst die Randdienste wieder selbst unter euch verteilen, dürft euch wieder drüber streiten, wie damals, als ich noch Praktikantin war. Aber ihr müsst euch nicht mehr im Aufenthaltsraum verkriechen, wenn ihr über mich herziehen wollt. Überall könnt ihr das nun freiweg tun. Ich werde nichts mehr hören.” Inzwischen waren zwei andere Kolleginnen dazugekommen. Sie hatten nur die letzten Worte verstanden und taten empört.
“Seid ihr alle falsch!”
Anne ging ihre Jacke holen.
“Wo geht sie hin? Sie soll doch in meine Gruppe …”
“Anne Brigitte Laudar ist fristlos entlassen, weil sie ihrer Verpflichtung, den Amtsarzt aufzusuchen, nicht nachkommen will. Außerdem hat sie mich beschimpft und euch genauso.” Als Anne beim Hinausgehen automatisch grüßte, erwiderte keine mehr diesen Gruß. Sie wickelte die weiße Seide zweimal um den Hals. Es kühlte und sah dazu noch schick aus. Fast vierzehn Tage hatte sie nun frei. Sie genoss die immer wärmer werdende Sonne und zog allein ziellos in der Stadt und in den Kaufhäusern umher. Dabei traf sie eine ehemalige Schulkameradin wieder: Charlotte Mühlmann, die Müx. “Hallo, Charly, lange nicht gesehen.”
“Krümel? Tatsächlich. Hallo, Krümeline. Du hast dich aber `rausgemacht. Lass mal angucken: Lange Beine haste gekriegt und die Haare auch nicht übel, so offen mit den Perlen drin. Und der Schal erst, wie eine Künstlerin. Aber weiße Handschuhe, das ist nichts. Poppig bunt müssten die sein. Weißt du noch, wie wir mal Handschuhe in einem Kaufhaus geklaut haben? Die Jungs glaubten nicht, dass wir's noch mal machen. Da haben wir einen ganzen Packen geholt. Die haben die Mäuler weit aufgerissen.” Charly lachte laut und ungeniert. Anne erinnerte sich, sie hatte damals Schmiere gestanden, während die Müx und ihr Pendant, die Petz, klauten. Ein bisschen schämte sie sich immer noch. Aber war es nicht viel schlimmer gewesen, jemanden vergiften zu wollen?
“Komm”, Charly zog sie in ein Café, “mal ein bissel quatschen und uns aufwärmen. Bist blass. Geht es dir nicht gut?”
In Anne stieg eine warme Welle vom Herzen auf, aber sie nahm sich in Acht. Konnte sie denn einer Diebin vertrauen? Sie erzählte ohne Angabe der Gründe von ihrem Arbeitsplatzwechsel und erfuhr, dass Charly gleich nach der Elektrikerausbildung arbeitslos geworden war. “Warum hast du denn so einen ausgesprochen männlichen Beruf gelernt?”
“Es liegt mir, weißte. Technische Dinge ham mich immer mehr interessiert, als Babys und solcher Kram. Aber dass sie einen das lernen lassen, und dann – keiner will eine Elektrikerin, das ist gemein. Ich hätte bei Amelang halbtags ans Band gehn können. Machen elektrische Zubehörteile für Haushaltsgeräte und so. Aber muss ich mich abspeisen lassen wie eine fünfzigjährige Hausfrau? Als Betriebselektriker würde ich das vier- bis fünffache verdienen und dürfte meinen Kopf gebrauchen.” “Oh ja, am liebsten sehen sie uns als Verkäuferinnen, Sekretärin oder Bedienung in der Kneipe. Zieh dir ein Miniröckchen an und lass dir auf den Hintern patschen, dann geben sie dir sogar ein schönes Trinkgeld. So sind sie, das ist die Männer-Gesellschaft. Mein Stiefvater hat meinen Wäscheschrank ausgeräumt und befunden, dass meine Unterwäsche nuttig ist. Die roten Seidenhöschen mit den Spitzen, erinnerst du dich? Wir hatten alle solche Freude dran, als Frau Herold sie mir zum Schulabschluss schenkte, die hat er herausgezerrt und zerrissen. Meine Teddys, Plüschtiere und Puppen gab er anderen Kindern. Ich wäre ja jetzt erwachsen. Und nun lässt er mich nicht erwachsen sein.” “Meine Mutter ist auch nicht mehr mit meinem Vater zusammen. Sie hat einen Freund. Aber der is eigentlich okay. Dauernd bringt er mir Süßigkeiten mit. Wenn ich es zulassen würde, brächte er mir Plüschbären oder sogar solche tolle Unterwäsche. Aber ich werde mich hüten, bin wahrhaftig nicht der Typ dazu, der vernascht mich noch gleichzeitig mit meiner Mutter. Hatte schon zweimal ´nen Freund, aber es war nicht so toll.” Anne schwieg dazu. Was sollte sie wohl sagen? Sie konnte da nicht mit Erfahrungen dienen. Ihr brannten Peters Beleidigungen auf der Seele und die “Absage” der Mutter, die lieber unter Peters Fuchtel stand, statt zu ihrem großen Kind zu halten. Die Erkenntnis der Einsamkeit ließ ihr Misstrauen Charlotte gegenüber größer sein, als es vielleicht Tage vorher gewesen wäre. Trotzdem verabredete sie sich wieder mit ihr.